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In einer Urkunde von 1339 hielt jemand den Namen zum ersten Mal fest: „Renus“. Daraus wurde Ryne, dann Rin und schließlich das deutsche Rhein — Buchstabe für Buchstabe der Name des berühmtesten Flusses Westeuropas. Sechs Jahrhunderte lang trug das Städtchen, eingezwängt zwischen zwei masurische Seen, den Namen des Rheins. Wie kann das sein? Eine Sage erzählt vom Heimweh der Ordensritter nach der alten Heimat. Die Sprachwissenschaft verweist auf ein altpreußisches Wort für eine Wasserrinne. Man sollte beide Versionen kennen, denn jede sagt etwas Wahres über diesen Ort.
Rhein am Ołów-See
Beginnen wir mit der Legende — denn genau das ist sie, und so muss man sie ehrlicherweise nennen. Die Sage berichtet: Als die Ritter des Deutschen Ordens auf dem Hügel zwischen Seen und Anhöhen standen, erinnerte sie die Landschaft an das Rheintal — Burgen, die unmittelbar aus dem Wasser aufragen, ein Fluss, der sich um die Mauern legt. Der Ołów-See, der die Anhöhe eng umschließt, soll ihnen wie ein natürlicher Burggraben erschienen sein, ganz wie der Rhein unter den rheinischen Festungen. Also nannten sie ihre Wehranlage Rhein. Und dabei blieb es sechshundert Jahre.
Die Philologie erzählt die Geschichte anders. Forscher leiten den Namen vom baltischen, altpreußischen Wort renis ab — „Wasserrinne, Bachlauf“. Eine treffendere Beschreibung ist kaum denkbar: Ryn liegt in einer eiszeitlichen Rinne, auf der schmalen Landenge zwischen dem Ryńskie-See und dem Ołów-See. Die Prußen vom Stamm der Galinder, die hier lange vor dem Orden lebten, nannten die Gegend schlicht das, was sie war. Die Ordensritter schrieben das fremde Wort auf ihre Weise nieder — und weil es wie „Rhein“ klang, hat die Legende den Rest wohl dazugedichtet.
Der Name selbst hat einen langen Weg hinter sich: Renus (1339), dann Ryne und Rin, das deutsche Rhein und schließlich — nach 1945 — das polnische Ryn. Bemerkenswert dabei: Die Form „Ryn“ wurde nicht erst nach dem Krieg am Schreibtisch erfunden. Die Masuren benutzten sie im Alltag schon deutlich früher. Wenn Sie wissen möchten, wie aus Rhein Ryn wurde und aus Lötzen Giżycko, lesen Sie unseren Text darüber, wie Masuren vor hundert Jahren aussah.
Eine Burg auf Befehl des Hochmeisters
Um 1283 stand hier noch eine hölzerne Wehranlage des Ordens, errichtet an der Stelle einer Siedlung der prußischen Galinder. Die steinerne Burg taucht 1377 in den Quellen auf — die Chronik des Wigand von Marburg erwähnt sie. Gebaut wurde sie auf Weisung des Hochmeisters Winrich von Kniprode: Backsteingotik, ein Viereck von etwa 44 mal 52 Metern, errichtet auf dem Hügel der Landenge zwischen den Seen. Wer heute vom Ryńskie-See her auf Ryn zusegelt, sieht dasselbe wie die Reisenden vor Jahrhunderten — die massige Burg hoch über dem Wasser —, auch wenn die heutige Gestalt das Ergebnis eines späteren Wiederaufbaus ist. Dazu gleich mehr.
In den Jahren 1393–1394 stieg die Burg auf: Hochmeister Konrad von Wallenrode machte sie zum Sitz einer Komturei — und zwar, um es offen zu sagen, für seinen eigenen Bruder. Erster Komtur von Rhein wurde Friedrich von Wallenrode. Sitz der Komture blieb die Burg bis 1422, danach residierten hier Vögte und Pfleger des Ordens.
Nach der Säkularisierung des Ordens 1525 übernahmen herzogliche Amtshauptleute die Burg und amtierten hier bis 1752. Dann nahm die Geschichte eine gänzlich unromantische Wendung: 1853 bauten die preußischen Behörden die gotische Wehranlage zum Gefängnis um. 1881 verwüstete ein Brand die Burg — wiederaufgebaut wurde sie im neugotischen Stil, und diese Silhouette sehen wir bis heute. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Mauern erneut als Gefängnis, und nach 1945 zog hier nacheinander fast alles ein: Lagerräume, die Stadtverwaltung, ein Kulturhaus, eine Bibliothek, ein Regionalmuseum, eine Herberge des Wandervereins PTTK.
Vom Gefängnis zu vier Sternen
Nach 1990 kaufte ein privater Investor die Burg. Um 2002 begann der Umbau, 2006 kamen die ersten Gäste — seither ist der einstige Komtursitz das Vier-Sterne-Hotel Zamek Ryn der Anders-Gruppe. Trotz des Hotelumbaus ist erstaunlich viel Substanz geblieben: gotische Portale und Gewölbe, eine Sammlung historischer Waffen, das Restaurant Refektarz und ein Spa. Führungen finden vor allem im Rahmen des Hotelangebots statt — die aktuellen Bedingungen erfragen Sie am besten direkt im Haus, bevor Sie den Besuch planen.
Wenn Ryn Ihren Appetit auf das militärische Erbe der Region geweckt hat: Die zweite große Festungsanlage Masurens — diesmal aus dem 19. Jahrhundert — haben wir im Guide zur Feste Boyen in Giżycko beschrieben. Und einige Seen weiter liegt ein weitaus düstereres Kapitel der Geschichte: die Wolfsschanze bei Gierłoż.
Die Weiße Dame, die Glück bringt
Jede Burg, die etwas auf sich hält, hat ihren Geist — und der von Ryn gehört zu den ausgesprochen freundlichen. Der Legende nach — und auch hier gilt: Legende, nicht Chronik — wandelt durch die Gemächer die Weiße Dame, der Geist Annas, der Frau des Großfürsten Vytautas (Witold). Die Erzählung besagt, ihre Familie habe auf der Burg als Geiseln gelebt, zur Sicherung von Vytautas’ Bündnis mit dem Orden. Als der Fürst in der Schlacht bei Tannenberg (polnisch: Grunwald) zu Jagiełło hielt, sollen die Angehörigen in den Verliesen der Burg eingemauert worden sein. Rachsüchtig ist der Geist von Ryn allerdings nicht — im Gegenteil: Wem er erscheint, dem bringt er angeblich Glück. Die Geschichtsschreibung kennt ein anderes Ende: Anna starb 1418, und keineswegs in Ryn. Aber wer wollte schon mit einem guten Geist streiten.
Die Stadt auf der Landenge
Die Stadt selbst ist deutlich jünger als die Burg — zumindest auf dem Papier. Das Stadtrecht verlieh ihr am 21. Juli 1723 der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., und Ryn führt es seit dreihundert Jahren ununterbrochen. Der Grundriss ist bis heute gut lesbar: ein schmaler Landstreifen zwischen Ryńskie-See und Ołów-See, darüber der Burghügel, unten Promenade und Hafen. Mehr zur Geschichte des Städtchens finden Sie auf der offiziellen Website von Ryn und im Wikipedia-Artikel über Ryn.
Ryn vom Wasser aus
Für Segler hat Ryn einen großen Vorzug: Es liegt an einem Seitenarm der Route der Großen Masurischen Seen. Seitenarm heißt weniger Durchgangsverkehr und ruhigere Abende im Hafen als auf der Hauptstrecke. Der markierte Wasserweg von Mikołajki misst rund 20 Kilometer, von Giżycko aus — über den Tałty-See — sind es etwa 40 Kilometer auf dem Wasser. Ryńskie-See und Tałty bilden praktisch eine einzige lange Seenrinne — genau jene, von der die Sprachforscher den Namen der Stadt herleiten. Der Ryńskie-See selbst misst rund 6,7 Quadratkilometer und ist bis etwa 20 Meter tief.
Das Beste an diesem Törn ist die Ansteuerung. Die Burg thront über Ryn und ist vom Wasser aus lange vor dem Anlegen zu sehen — Sie können fast bis unter die Mauern segeln und die Anlage aus einer Perspektive betrachten, die kein Parkplatz je bietet. Festgemacht wird in der Ekomarina Ryn, eröffnet 2013, mitten im Zentrum an der Promenade: rund 60 Liegeplätze plus 30 zusätzliche, Strom und Wasser an den Stegen. Vom Boot bis zum Burgtor sind es 5–8 Minuten zu Fuß. Wer lieber über Land anreist: Von Giżycko sind es etwa 20 Kilometer Straße. Die Ekomarina und andere empfehlenswerte Anlegestellen haben wir in unserer Übersicht der besten Häfen und Marinas in Masuren zusammengestellt.
Ryn macht sich gut als Etappe einer längeren Route. Die naheliegende Variante: Start in Giżycko, ein Tag auf den Tałty-Gewässern, Übernachtung unter der Burg, am nächsten Tag der kurze Zwanzig-Kilometer-Sprung nach Mikołajki. Unterwegs liegt vieles aus unserer Liste der Top-Attraktionen Masurens vom Bootsdeck aus.
Häufig gestellte Fragen
Woher kommt der Name Ryn — stammt er wirklich vom Rhein? Der Sage nach nannten die Ordensritter ihre Wehranlage „Rhein“, weil die Seenlandschaft sie an das Rheintal erinnerte und der Ołów-See als natürlicher Burggraben diente. Die Sprachwissenschaft leitet den Namen jedoch vom altpreußischen Wort renis ab — „Wasserrinne, Bachlauf“ —, das die Lage der Stadt in der Rinne zwischen den Seen beschreibt. Die älteste Schreibung, „Renus“, stammt aus dem Jahr 1339.
Wann entstand die Ordensburg in Ryn und wer hat sie gebaut? Um 1283 stand hier eine hölzerne Wehranlage; die steinerne gotische Burg entstand auf Weisung des Hochmeisters Winrich von Kniprode um 1377 — aus diesem Jahr stammt die erste Erwähnung in der Chronik des Wigand von Marburg. 1393/94 wurde hier eine Komturei eingerichtet; erster Komtur war Friedrich von Wallenrode, der Bruder des Hochmeisters Konrad.
Kann man die Burg in Ryn besichtigen? Die Burg ist heute das Vier-Sterne-Hotel Zamek Ryn. Erhalten sind gotische Portale und Gewölbe, dazu eine Sammlung historischer Waffen, das Restaurant Refektarz und ein Spa. Führungen finden vor allem im Rahmen des Hotelangebots statt — die aktuellen Bedingungen erfragen Sie am besten direkt im Hotel.
Wie erreicht man Ryn mit der Yacht und wo legt man an? Ryn liegt an einem Seitenarm der Route der Großen Masurischen Seen: Von Mikołajki führt ein markierter Wasserweg von rund 20 Kilometern hierher, von Giżycko über den Tałty-See sind es etwa 40 Kilometer. Angelegt wird in der Ekomarina Ryn im Zentrum an der Promenade (rund 60 Liegeplätze plus 30 zusätzliche, Strom und Wasser) — vom Steg bis zur Burg sind es 5–8 Minuten zu Fuß.
Wer ist die Weiße Dame von der Burg Ryn? Sie ist die Heldin einer Legende: der Geist Annas, der Frau des Großfürsten Vytautas, deren Familie — als Geiseln auf der Burg festgehalten — in den Verliesen eingemauert worden sein soll, nachdem Vytautas sich bei Tannenberg auf die Seite Jagiełłos gestellt hatte. Der Geist von Ryn gilt als gutmütig und bringt angeblich Glück. Historisch belegt ist: Anna starb 1418, und nicht in Ryn.
Wie prüft man am besten, ob Ryn wirklich an das Rheintal erinnert? Indem man die Stadt so sieht, wie alle sie seit siebenhundert Jahren gesehen haben — vom Wasser aus. Chartern Sie eine Yacht, planen Sie die Route über Tałty und Ryńskie-See und machen Sie in der Ekomarina direkt unter dem Burghügel fest. Die Weiße Dame, so heißt es, ist Seglern wohlgesonnen.
Titelbild: Krystian Smołka / Wikimedia Commons (CC BY 3.0).



