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Seemannsaberglaube und Bräuche an Bord: Was man auf dem Wasser nicht tut (und warum wir alle dagegen verstoßen)
Events & Attraktionen7 Min. Lesezeit

Seemannsaberglaube und Bräuche an Bord: Was man auf dem Wasser nicht tut (und warum wir alle dagegen verstoßen)

Es wird nicht gepfiffen, der Mütze dreht man nicht hinterher, und „viel Glück" lässt man besser an Land. Ein Vercharterer mit 25 Jahren Erfahrung über Seemannsaberglauben, die wir alle kennen — und alle brechen.

Das NaCzarter-Team

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Was tut man an Bord nicht?

An Bord wird nicht gepfiffen, niemand wünscht „viel Glück", freitags läuft man nicht aus und einer Mütze, die ins Wasser gefallen ist, dreht man nicht hinterher. Seemannsaberglauben kennt jeder, der auch nur eine Saison auf dem Wasser verbracht hat — und fast jeder hält sich daran, obwohl niemand zugeben würde, dass er daran glaubt. Ich betreibe seit 25 Jahren Charter in Giżycko und habe in dieser Zeit am Steg so ziemlich alles gehört. Leute, die „nicht daran glauben", aber auf Holz klopfen. Steuerleute, die über Neptun lachen, aber den Namen ihrer Yacht niemals ohne Zeremonie ändern würden. Keiner glaubt daran, alle halten sich dran. Na ja — bis zur ersten Flaute.

An Bord wird nicht gepfiffen

Der Klassiker aller Klassiker. Pfeifen ruft den Wind herbei, und auf See kam der herbeigepfiffene Wind angeblich immer zu stark und immer aus der falschen Richtung. Eine zweite Schule sagt, dass auf Kriegsschiffen das Pfeifen der Bootsmannspfeife vorbehalten war — das Verbot hatte also auch einen ganz praktischen Sinn. Wie auch immer: Es wird nicht gepfiffen. In Masuren gilt diese Regel exakt bis zur ersten Flaute. Da liegt so eine Yacht mitten auf dem Niegocin, die Segel hängen wie Wäsche, Hitze — und plötzlich fängt die ganze Crew an zu pfeifen. Bei Flaute glaubt niemand ans Pfeifen. Aber alle pfeifen, denn wer weiß, vielleicht hilft's ja. Manchmal hilft es sogar, obwohl ich den Verdacht habe, dass der Wind sowieso gekommen wäre.

„Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel", niemals „viel Glück"

Einem Segler wünscht man vor dem Törn kein „viel Glück". Das bringt Pech, genau wie bei Schauspielern vor der Premiere. Stattdessen wünscht man „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel". Auf See ist das ein Symbol. In Masuren wird es mitunter wörtlich: An manchen Ansteuerungen ist diese Handbreit Wasser unterm Kiel wirklich alles, was du hast. Wer einmal mit dem Schwert den Grund bei der Einfahrt ins Schilf „abgetastet" hat, weiß, dass das der praktischste Wunsch der Welt ist.

Freitags läuft man nicht aus

Eine alte Seemannstradition: Freitag ist ein schlechter Tag, um einen Törn zu beginnen. Die Wurzeln sind religiös — der Freitag als Tag der Kreuzigung galt als schlechter Tag, um irgendetwas anzufangen, und auf See hielt sich diese Erinnerung am längsten. Angeblich weigerten sich Matrosen, den Hafen zu verlassen, und Reeder verschoben lieber den Termin, nur um nicht an einem Freitag zu starten. In Masuren hat sich die Sache von selbst erledigt, denn Charteryachten werden samstags übergeben. Neptun hat also nichts zu beanstanden. Wenn du zum ersten Mal in See stichst und wissen willst, wie so ein Übergabesamstag Schritt für Schritt abläuft, haben wir das im Ratgeber zum ersten Yachtcharter beschrieben.

Eine Namensänderung der Yacht verlangt eine Zeremonie

Neptun führt ein Register und mag es nicht, wenn man darin ohne Ankündigung herumpfuscht. Den Namen einer Yacht ohne Zeremonie zu ändern heißt, den Ärger geradezu einzuladen — so sagt es jedenfalls die Tradition. Deshalb macht man daraus ein kleines Fest: Man verabschiedet den alten Namen, tauft den neuen, etwas wird über den Bug gegossen, jemand hält eine Rede. Ich habe bei uns im Hafen eine Zeremonie mit Glocke gesehen, bei der der Bug mit Wasser direkt aus dem Kisajno übergossen wurde. Puristen werden sagen, Neptun hätte Champagner verdient — aber er hat es wohl angenommen, denn die Yacht segelt bis heute und nichts Böses ist passiert. Der Papierkram im Amt hat übrigens länger gedauert als die ganze Zeremonie.

Die Mütze über Bord bleibt im Wasser

Eine Mütze, die ins Wasser gefallen ist, gehört bereits dem See. So lautet die Regel, und man bricht sie besser nicht. Die Diskussion beginnt, wenn es die Lieblingsmütze war. Vor ein paar Jahren drehte eine Crew auf dem Kisajno wegen der Mütze des Steuermanns um. Das „Mann über Bord"-Manöver gelang ihnen wunderschön, die Mütze fischten sie beim zweiten Anlauf mit dem Bootshaken heraus. Das Problem: Bei genau diesem Schwung rutschte der Bootshaken aus der Hand, lief voll Wasser und ging auf Grund, bevor irgendjemand ihn greifen konnte. Der See gab die Mütze zurück, nahm aber den Bootshaken. Die Bilanz ging auf null auf, und der Aberglaube hat sich behauptet.

Mit dem rechten Fuß an Bord und auf Holz klopfen

An Bord geht man mit dem rechten Fuß, der linke bringt Pech. Und wenn jemand laut sagt, dass „das Wetter hält", klopft er sofort auf Holz. Auf einer Charteryacht ist das so eine Sache, denn der Mast ist aus Aluminium — also klopft man auf den Tisch in der Messe oder an den eigenen Kopf. Wirkt angeblich genauso. Ich hatte einen Stammkunden, der jahrelang wiederholte, Aberglauben seien Märchen für Kinder. Ein großer Rationalist. Nur habe ich ihn in all diesen Jahren kein einziges Mal mit dem linken Fuß an Bord gehen sehen. Kein einziges Mal. Wenn ich ihn fragte, sagte er, so sei es für ihn einfach bequemer. Klar doch.

„Eine Frau an Bord bringt Unglück": ein Unsinn, so alt wie das Segel

Diesen Mythos muss man ein für alle Mal entkräften. Er stammt aus der Zeit monatelanger Törns und rein männlicher Besatzungen: Eine Frau an Bord sollte die Matrosen ablenken, Eifersucht und Streit säen und nebenbei das Meer erzürnen. Das Beste daran: Derselbe Folklore-Fundus behauptete, eine nackte Frau beruhige das Meer — daher die entblößten Galionsfiguren am Bug alter Segelschiffe. Ein Aberglaube mit eingebauter Hintertür, ganz offensichtlich von den Matrosen selbst geschrieben. Die Realität an unseren Stegen sieht so aus: Die Hälfte der besten Steuerleute, die ich sehe, sind Frauen. Ich habe mehr als einmal erlebt, wie ein Steuermann schreit, mit den Armen fuchtelt und seitlich in die Dalben fährt — und seine Frau übernimmt in aller Ruhe das Ruder, zwei Handgriffe, und die Yacht steht wie angenagelt. Wenn eine Frau an Bord jemandem Unglück bringt, dann höchstens dem, der bei der Regatta gegen sie antritt.

Woher kommen die Seemannsbräuche und Aberglauben?

Die meisten dieser Seemannsbräuche und Aberglauben sind vom Meer nach Masuren gesegelt. Manche, wie das Klopfen auf Holz, sind älter als die Seefahrt, aber erst das Meer hat ihnen ihre Strenge gegeben. Generationen von Seglern brachten Shantys, Bräuche und Aberglauben auf die Seen mit, die auf den Ozeanen Hunderte von Jahren alt waren. Das Meer war bedrohlich und unberechenbar, also bauten sich die Matrosen Rituale — denn wenn der Mensch Angst hat, muss er etwas mit den Händen tun. Der See ist gnädiger, aber die Rituale sind geblieben, weil sie einfach schön sind. Wer spüren will, wie lange diese Tradition hier schon sitzt, der schaue in die Erinnerungen an alte Zeiten in Masuren hinein oder sehe sich an, wie Masuren vor hundert Jahren aussah. Auf der Omega, der Legende des polnischen Segelsports, lernten ganze Generationen das Segeln — und übernahmen mit dem Segeln gleich den ganzen Folklore-Schatz dazu.

Seemannsaberglaube im Schnelldurchlauf

Alles von oben in einer Tabelle, zum Einprägen vor dem Törn.

AberglaubeWoher er kommtKümmert das noch jemanden?
An Bord wird nicht gepfiffenPfeifen ruft den Sturm herbei, sagten die MatrosenBis zur ersten Flaute. Danach pfeift die ganze Crew
„Handbreit Wasser unterm Kiel" statt „viel Glück"„Viel Glück" fordert das Schicksal heraus, wie bei SchauspielernJa, und zu Recht. In Masuren ist dieser Wunsch mitunter wörtlich gemeint
Freitags läuft man nicht ausFreitag ist der Tag der Kreuzigung, auch an Land ein UnglückstagIn Masuren erledigen die Chartersamstage die Sache von selbst
Namensänderung der Yacht verlangt eine ZeremonieNeptun führt ein Register und mag darin keine ÄnderungenEigner ja. Die Ämter noch mehr
Die Mütze über Bord bleibt im WasserEin Opfer für den See, damit er nicht mehr nimmtBis zu dem Moment, in dem es die Lieblingsmütze ist
Mit dem rechten Fuß an BordDie linke Seite gilt seit jeher als „Pechseite"Offiziell niemand. Inoffiziell steigen alle rechts ein
Eine Frau an Bord bringt UnglückMännercrews, lange Törns und ein Aberglaube mit Hintertür (nackte Galionsfiguren)Kein vernünftiger Mensch. Die Hälfte der besten Steuerleute sind Frauen

Wozu das alles?

Man kann über diese Bräuche lachen, und wir lachen auch — am lautesten über uns selbst. Aber es steckt mehr darin als Folklore. Wenn dir jemand am Steg „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel" wünscht, sagt er in Wahrheit: Pass auf dich auf, komm heil zurück. Seemannsaberglaube ist kein Hokuspokus. Er ist die Art, wie Wassermenschen einander sagen, dass sie einander wichtig sind. Und deshalb werde ich, obwohl 25 Jahre vergangen sind, vor einem Törn immer noch niemandem „viel Glück" wünschen. Und welcher Aberglaube gilt bei euch an Bord? Denn jede Crew hat ihren eigenen, auch wenn es niemand zugibt.

Häufige Fragen

Was bedeutet der Wunsch „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel"? Das ist die Segler-Version von „viel Glück": Man wünscht jemandem, dass er unter dem Rumpf immer genug Wasser hat und nicht auf Grund läuft. Auf den flachen masurischen Revieren, wo das Schwert am Schilf schon mal den Grund abtastet, wird das überraschend wörtlich.

Glauben Segler wirklich an Aberglauben? Offiziell niemand. In der Praxis geht kaum jemand mit dem linken Fuß an Bord, und ein „viel Glück" vor dem Törn hörst du von niemandem, der mehr als eine Saison auf dem Wasser verbracht hat. Es ist eher Tradition und guter Brauch als Glaube.

Was sagt man einem Segler vor dem Törn nicht? „Viel Glück". Stattdessen wünscht man „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel". Bedeutet exakt dasselbe, nur auf Seglerart — und niemand nimmt es übel.

Darf man den Namen einer Yacht ändern? Ja, formal ist das eine Frage der Papiere. Die Tradition sagt allerdings: Ohne Zeremonie zum Abschied des alten Namens und zur Taufe des neuen wird Neptun zornig. Die meisten Eigner machen daraus eine kleine Feier, denn es ist eine gute Gelegenheit, sich am Steg zu treffen.

Ist Freitag ein schlechter Tag für den Charterbeginn? Nach der Seemannstradition ja — freitags lief man nicht aus. In Masuren löst sich das Problem von selbst, denn Charteryachten werden samstags übergeben. Neptun und der Hafenplan sind sich hier ausnahmsweise einig.

Coverfoto: NaCzarter.pl

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