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Braucht man einen Segelschein, um Segler zu sein?
Events & Attraktionen6 Min. Lesezeit

Braucht man einen Segelschein, um Segler zu sein?

Früher dauerte der Einstieg ins Segeln Jahre: über den Verein, Reparaturen und Saisons bei jemandem an Bord. Heute reicht ein kurzer Kurs oder ein Hausboot ohne Schein. Ein Vercharterer aus Gizycko darüber, was wirklich zu Ende ging und was genau gleich geblieben ist.

Das NaCzarter-Team

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Der Schein ist Papier. Segler wird man woanders

Ich fange mit der Antwort an, weil diese Frage bei uns im Hafen jede Saison wiederkommt. Der Schein gibt dir die Berechtigung, alles andere gibt dir das Wasser. Für eine Segelyacht aus der Charterflotte, etwa eine Antila 33 oder eine Maxus 33.1 RS, brauchst du den Schein, darüber muss man nicht diskutieren. Für ein Hausboot nicht, und damit fahren heute jede Menge Leute, die zwei Jahre vorher nicht wussten, von welcher Seite man sich einer Pier nähert. Sind das Segler? Kommt darauf an, was sie in den nächsten fünf Saisons daraus machen.

Früher dauerte der Einstieg Jahre

Als ich anfing, kam man nicht einfach so von der Straße zum Segeln. Man kam über den Verein oder über die Pfadfinder. Erst warst du derjenige, der das Deck schrubbt und Kanister schleppt. Dann nahm dich jemand für eine Woche an Bord mit, weil ein Mann fehlte. Dann die zweite Saison, die dritte, der nächste Kurs, die nächste Prüfung. Bis dir jemand länger als eine Stunde die Pinne überließ, vergingen zwei oder drei Jahre.

Das Boot hat man selbst hergerichtet. Holz, Spachtel, Lack, Frühling in der Halle und Hände, die man bis Mai nicht sauber bekam. Niemand nannte das Teambuilding. Entweder war das Boot zur Saison fertig, oder es fuhr keiner irgendwohin. Durch die Kanäle wurde manchmal vom Ufer aus an Leinen getreidelt, weil es einen Motor für den ganzen Steg gab und der gerade woanders hing. Das war kein romantisches Abenteuer, das war ein normaler Dienstag.

Das Wichtigste war aber etwas anderes. Du warst in einem Umfeld, das auf dich aufpasste. Jemand schaute dir beim Anlegen auf die Finger und sagte dir ohne Umschweife, dass du es falsch gemacht hast. Wenn du Mist gebaut hast, wusste es der ganze Steg. Wenn nachts jemandem die Leine aufging, stand der halbe Hafen auf. Wie diese Seen früher aussahen, haben wir getrennt beschrieben, im Text über Masuren vor hundert Jahren, und über die Stimmung jener Saisons in den Erinnerungen an alte Zeiten.

Heute steigt man an einem Wochenende ein

Jetzt läuft es so: kurzer Kurs, Prüfung, Schein. Oder ganz ohne, weil du ein Hausboot nimmst und losfährst. Du zahlst und bist auf dem Wasser. Ohne Warteschlange, ohne Verein, ohne drei Jahre Kanisterschleppen.

Alte Segler schütteln darüber den Kopf, und ehrlich gesagt: Sie haben damit ziemlich recht. Etwas ist tatsächlich zu Ende gegangen. Vorbei ist der Steg als Ort, an dem du den ganzen Winter verbringst, vorbei das gemeinsame Werkeln an den Rümpfen. Es gibt keine Situation mehr, in der du ohne Leute schlicht nicht ablegen kannst, denn heute übernimmst du die Yacht fertig am Steg. Das holt man nicht zurück, und man muss nicht so tun, als wäre es anders.

Nur hat dieselbe Öffnung Menschen aufs Wasser gelassen, die vorher keine Chance hatten. Weil es in ihrer Stadt keinen Verein gab, weil sie niemand eingeführt hat. Jenes Umfeld war bei allem Ethos manchmal geschlossen und konnte einem zu verstehen geben, dass man hier nicht hinpasst. Ich sehe jetzt jedes Jahr in Port Royal Familien, die zum ersten Mal im Leben auf dem Wasser übernachten, und ein Teil von ihnen kommt in der nächsten Saison wieder und in der übernächsten auch. Denen zu sagen, das sei kein echtes Segeln, wäre schlicht unfair.

Die Schule fürs Rückgrat ist nicht verschwunden. Sie ist nur nicht mehr Pflicht

Das ist für mich der Kern der Sache. Früher kam man am Segeln nicht vorbei, ohne durch diese Schule zu gehen, sie war Teil des Weges hinein. Heute kannst du sie umgehen. Du kannst ablegen, eine Woche fahren, die Yacht zurückgeben und nie etwas lernen. Nur fragt der See vorher nichts ab. Er prüft genau dasselbe wie vor dreißig Jahren.

Ob du bei Seitenwind an die Dalben kommst, ohne den Nachbarn umzupflügen. Ob du die Muringleine vom Heck aus mit dem Bootshaken greifst und ruhig damit nach vorn zum Bug gehst, statt zu fünft daran zu zerren. Ob du umgedreht bist, als es aufbriste, statt am Nachmittag noch auf den Spirdingsee zu laufen, weil „wir hatten doch einen Plan". Ob es nach dir im Hafen sauber geblieben ist. Kisajno, der Mauersee und der Spirdingsee prüfen nicht deinen Schein. Sie prüfen, ob du mitdenkst.

Das Hausboot ist dabei übrigens ein ehrlicher Lehrer. Flacher Boden, keine Segel und eine sehr große Empfindlichkeit gegen Seitenwind beim Manövrieren im Hafen. Man lernt vorauszudenken, schneller als man glaubt. Was und wie, haben wir im Ratgeber womit man in Masuren ohne Führerschein fahren kann beschrieben.

Früher, heute und das, was sich nicht bewegt hat

FrüherHeuteWas gleich geblieben ist
Einstieg über Verein, Pfadfinder und mehrere Saisons bei jemandem an BordKurzer Kurs mit Prüfung oder Hausboot ohne ScheinDas erste eigenständige Manöver behältst du so oder so jahrelang
Winter in der Halle, Spachtel, Lack, gemeinsame ReparaturYacht fertig, Übernahme am StegDas Boot gibt man in dem Zustand zurück, in dem man es selbst bekommen möchte
Ein älterer Kollege hat dich an Bord angelerntDu lernst allein oder bei einem Ausbilder, den du bezahlt hastSeitenwind an den Dalben prüft alle gleich
Treideln an Leinen, ein Motor für den ganzen StegMotor auf jeder Yacht, dazu die Schleuse Guzianka und die Brücke in GizyckoDer Plan richtet sich nach den Öffnungszeiten, nicht umgekehrt
Gemeinschaft mit VereinsausweisZufällige Leute vom NachbarstegJemand nimmt dir immer die Leine ab, wenn du allein anlegst

Das Ethos ist geblieben, nur ohne Ausweis

Schau doch, was sich wirklich nicht verändert hat. Du gehst allein an die Dalben, mit dem Kind an Bord, und es findet sich immer jemand, der vom Abendessen aufsteht und dir die Leine abnimmt. Wenn eine Bö kommt, warnen sich die Leute gegenseitig, ohne zu prüfen, wer welchen Schein hat. Müll und Fäkalien gibt man im Hafen ab, weil das Schutzgebiet ist und alle das wissen. Abends wird es im Hafen leise, und das muss man niemandem erklären. Auf Inseln, die Reservate sind, geht man nicht an Land, auch wenn die Bucht daneben verlockend aussieht. Und den Grill zündet man nicht an Deck an, sondern dort, wo der Hafen einen Platz dafür hat.

Das ist das ganze Ethos. Es ist nicht verschwunden. Es wird nur kein Ausweis mehr dafür ausgestellt. Heute entscheidet jeder selbst, ob er zu den Leuten gehören will, die es so machen. Ein Teil der Neuen steigt vom ersten Törn an genau so ein, schneller als so mancher alte Hase.

Womit du anfängst, wenn du heute anfängst

Der einfachste Weg: Fang beim Wasser an, nicht bei der Prüfung. Nimm ein Hausboot für eine Woche, manövriere, übernachte im Hafen, schau dir an, wie die Nachbarn anlegen. Die Törns gehen in der Saison meist von Samstag bis Samstag, eine Woche ist also das natürliche Maß fürs erste Mal. Den Schein machst du danach, wenn du weißt, dass das deins ist. Die umgekehrte Reihenfolge funktioniert auch, aber dann kommt das Papier vor dem Können, und der erste starke Wind ist mitunter eine unangenehme Lektion. Welcher Schein was erlaubt, haben wir im Text welchen Schein man in Masuren für eine Yacht braucht aufgeschrieben.

Und noch eins zum Schluss. Es gibt kein Alter, in dem es zu spät ist. Wir hatten Leute, die weit jenseits der sechzig zum ersten Mal am Steuer standen und bis heute fahren. Den Schein bekommst du von der Prüfungskommission. Den Rest bekommst du vom Wasser, langsam, Saison für Saison. Das dauert, und gut, dass es dauert.

Häufige Fragen

Braucht man in Masuren einen Segelschein? Für eine Charter-Segelyacht ja, das sind Boote vom Kaliber einer Antila 33 oder Maxus 33.1 RS. Für ein Hausboot wie die Stillo 30 oder Stillo 31 nicht, du fährst ohne Berechtigung los, nach einer Einweisung bei der Bootsübernahme.

Ist Fahren ohne Schein „echtes Segeln"? Ein Hausboot hat keine Segel und kreuzt nicht, im engeren Sinn ist es also kein Segeln. Verantwortung, Wetterlesen und Hafenmanöver lernt man dabei aber genauso. Viele Segler haben genau so angefangen.

Womit fängt man das Lernen an? Mit einer Woche auf dem Wasser mit jemandem Erfahrenem oder mit einem Hausboot, wo du selbst für die Manöver zuständig bist. Der Kurs kommt danach. Dann hat die Theorie etwas, woran sie andocken kann.

Lohnt sich der Schein, wenn es auch ohne geht? Er lohnt sich, wenn du unter Segeln fahren und selbst über den Törn entscheiden willst. Der Schein öffnet die Segelflotte und ordnet das Wissen über die Vorschriften. Wenn es dir vor allem um eine ruhige Woche mit der Familie geht, reicht ein Hausboot völlig.

Gibt es das alte Segelmilieu noch? In den Vereinen und auf den Regatten schon. Im Charterhafen sieht es anders aus, eher spontan, aber die Hilfe beim Anlegen und die Warnung vor dem Wind funktionieren genauso wie früher.

Titelbild: Skimel — CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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