Das NaCzarter-Team
· Aktualisiert
Stell dir eine Postkarte von 1925 vor. Der Stempel: Lötzen, Ostpreußen. Auf dem Bild die Promenade am Löwentinsee, Herren mit Strohhüten, im Hintergrund die Rauchfahne eines Dampfers. Hätte damals jemand den Leuten am Kai erzählt, dass hundert Jahre später aus dem Löwentinsee der Niegocin und aus Lötzen Giżycko geworden sein würde — und dass auf denselben Routen Tausende polnische Segler kreuzen würden —, man hätte wohl die Achseln gezuckt. Und doch ist es so gekommen. Das Masuren von vor hundert Jahren ist eine Welt, die von den Karten und Ladenschildern verschwunden ist, aus der Landschaft aber nicht. Die Kanäle, Schleusen, Brücken und Wasserwege, auf denen wir heute unterwegs sind, wurden genau damals angelegt — manche noch früher. Diese Geschichte handelt von jenem Masuren: von Städtchen mit anderen Namen, vom ersten Dampfschiff, das gleich nach der Premiere sank, und von geräucherter Maräne, für die schon der Autor eines Reiseführers von 1923 schwärmte.
Andere Namen auf derselben Karte
Beginnen wir mit dem Grundsätzlichen: Vor hundert Jahren lag Masuren in Ostpreußen. Mikołajki hieß Nikolaiken, Giżycko war Lötzen, Węgorzewo — Angerburg, Mrągowo — Sensburg, Ryn — Rhein und Pisz — Johannisburg, wobei die Polen den Ort seit jeher Jańsbork nannten. Ełk stand als Lyck auf den Karten.
Eine oft übersehene Sache: Die Umbenennungen begannen schon vor 1945 — nur in die andere Richtung. 1938 befanden die Nationalsozialisten, rund die Hälfte der Ortsnamen klinge „zu polnisch oder zu prußisch", und tilgten sie von den Karten. So wurde aus Rudczanny, der alten Siedlung an der Schleuse, über Nacht Niedersee. Das heutige Ruciane-Nida existiert als Stadt übrigens erst seit 1966.
Nach dem Krieg drehte sich die Karte ein zweites Mal. Die polnischen Namen legte eine staatliche Ortsnamenkommission fest, die von 1946 bis 1951 arbeitete. Vieles wurde schlicht wiederhergestellt oder polonisiert, zwei Namen aber sind regelrechte Verbeugungen. Lötzen, kurz nach dem Krieg vorübergehend Łuczany genannt, trägt seit 1946 den Namen von Gustaw Gizewiusz — einem Pastor, der im 19. Jahrhundert die polnische Sprache und Kultur der Masuren verteidigte. Aus Sensburg wurde Mrągowo, zu Ehren von Krzysztof Celestyn Mrongowiusz. Węgorzewo hieß eine Zeit lang Węgobork. Wer heute in Giżycko festmacht, liegt im Hafen einer Stadt, die innerhalb einer Generation zweimal den Namen wechselte.
Kanäle, älter als die Dampfschiffe
Die Großen Masurischen Seen waren nicht immer ein durchgehender Wasserweg. Verbunden hat sie der Mensch — und zwar erstaunlich früh: Das Kanalsystem wurde zwischen 1765 und 1772 auf preußische Initiative gegraben. Der Zweck war nüchtern: Transport und Holzflößerei, an Urlauber dachte niemand. Der eigentliche Durchbruch kam in den Jahren 1854 bis 1857, als man die Kanäle ausbaute und vertiefte. Von da an war regelmäßige Schifffahrt möglich — und sie begann fast sofort.
Der bekannteste dieser Kanäle, der Łuczański-Kanal (auch Giżycko-Kanal genannt), misst 2130 Meter und verbindet den Niegocin mit dem Kisajno. Über ihn führt eine Drehbrücke vom Ende des 19. Jahrhunderts — gebaut um 1889 und bis heute von Hand gedreht, was sie zu einer der wenigen noch in Betrieb befindlichen Brücken dieser Art aus dem 19. Jahrhundert in Europa macht. Wer den Kanal mit der Yacht passiert, wartet auf dieselbe Brücke, auf die vor hundert Jahren die Dampfer warteten. Öffnungszeiten und praktische Hinweise haben wir in einem eigenen Ratgeber zur Drehbrücke von Giżycko gesammelt.
Eine Klarstellung, weil die Namen gern durcheinandergeraten: Der Łuczański-Kanal ist nicht der Masurische Kanal. Letzterer — eine nie vollendete Wasserstraße, die von den Seen Richtung Ostsee führen sollte — ist eine ganz andere, längere Geschichte.
„Masovia" — ein Dampfer, ein König und Pech auf dem Rheiner See
Die Passagierschifffahrt in Masuren hat ein genaues Geburtsdatum: den 19. Juni 1854. An diesem Tag eröffnete der preußische König Friedrich Wilhelm IV. feierlich die Dampfschifffahrt mit einer Fahrt des Dampfers „Masovia". Der schöne Anfang nahm allerdings ein bitteres Ende — das Schiff sank kurz darauf im Rheiner See, dem heutigen Jezioro Ryńskie. Die Geschichte der masurischen Schifffahrt beginnt also mit einem Untergang. Das klingt nach bösem Omen, war aber nur ein Fehlstart.
1890 gründete sich in Lötzen eine Passagierschifffahrtsgesellschaft, und von da an wurde der Verkehr auf den Seen immer dichter. Vor 1939 fuhren über 26 Schiffe auf den Großen Masurischen Seen. Ein Detail aus dieser Flotte sagt alles über den damaligen Ehrgeiz: Einen Seitenraddampfer brachte man per Eisenbahn nach Masuren. Ein Schiff auf Güterwaggons, quer durch Ostpreußen an den See — heute wäre das ein Medienereignis, damals war es schlicht Logistik.
Die Eisenbahn bringt die Sommerfrischler
Die Dampfer brauchten Passagiere, und die Passagiere brachte die Eisenbahn. Die Strecke Lyck–Königsberg ging 1868 in Betrieb; nach Nikolaiken kam der Zug 1911. Das dritte Puzzleteil war die Schleuse Guzianka I von 1879, die den Wasserweg Giżycko–Mikołajki–Pisz öffnete — mit ihr beginnt die Zeitrechnung des Wassertourismus in Masuren. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten: Ruciane zählte nach dem Ersten Weltkrieg rund 12.000 Sommergäste im Jahr. Für eine Waldsiedlung an einer Schleuse ein regelrechter Andrang.
Die Zwischenkriegszeit war die goldene Ära der masurischen Kurorte. Mikołajki war ab 1920 ein beliebter Ferienort. Lötzen wuchs zum mondänen Kurort mit Hotels, Yachthafen, Seebad am Löwentinsee und Waldpromenaden. Im Winter fuhr man auf dem zugefrorenen See Eissegelregatten, im Sommer hatten Segel- und Ruderklubs Saison. Angerburg, das heutige Węgorzewo, war als Sommerfrische und Wassersportzentrum bekannt. Aus dieser Zeit stammt auch der Slogan, der bis heute trägt: „Land der tausend Seen" — wobei die Werbung bei der Zahl ausnahmsweise tiefgestapelt hat. Es sind rund zweitausend, mit dem Śniardwy (Spirdingsee, 113,8 km², dem größten See Polens) und den Mamry (Mauersee, rund 105 km²) an der Spitze.

Schau dir das Bild einen Moment länger an. Das Pflaster, die Ladenschilder, die Bürgerhäuser um den Markt — ein Städtchen, das vom See und von den Sommergästen lebte, genau wie heute. Der Name auf dem Ortsschild hat gewechselt, die Sprache über den Läden auch. Der Rhythmus ist geblieben.
Nikolaiken: Maränen, Perlen und ein Fisch an der Kette
Wenn ein masurisches Städtchen vor hundert Jahren einen unverwechselbaren Geschmack hatte, dann Mikołajki — den von geräucherter Maräne. Seit 1864 arbeitete hier eine Fischverarbeitung, und das Räuchern über Erlenholz galt als lokale Besonderheit. Mieczysław Orłowicz, Autor eines Reiseführers von 1923, schrieb geradeheraus, Mikołajki sei berühmt für seine geräucherten Maränen — „eine Delikatesse". Im selben Betrieb stellte man übrigens etwas noch Kurioseres her: künstliche Perlen aus den Schuppen der Ukelei. Fischschuppen, verwandelt in Schmuck — solche Handwerke gibt es nicht mehr.
Der Beiname „Venedig Masurens" kommt schlicht von der Geografie: Das Städtchen liegt eingezwängt zwischen den Seen Tałty und Mikołajskie, und sein Leben spielte sich immer am Wasser und auf dem Wasser ab. Und dann ist da noch er — der Stinthengst, auf Polnisch Król Sielaw, der König der Maränen. Hier betreten wir das Reich der Sage, also sagen wir es deutlich: Das ist eine Legende, keine Chronik. Ihr zufolge herrschte über die Seen ein gekrönter Fisch, der den Fischern die Netze zerriss. Als man ihn schließlich in einem eisernen Netz fing, sprach er mit menschlicher Stimme und versprach reiche Fänge im Tausch gegen sein Leben. Die Fischer — vertrauensvoll, aber nicht naiv — ketteten ihn sicherheitshalber an einen Brückenpfeiler. Der Fisch landete im Wappen von Mikołajki, und im Wort Stinthengst steckt eine komische Paarung: der Stint, ein kleiner Fisch, und der Hengst. Heute wacht der legendäre König über ein Städtchen, das jedes Jahr auf seine eigene Art feiert — mehr dazu in unserem Beitrag über die Dni Mikołajek 2026.
1945: neue Namen, Schiffe vom Seegrund
Der Krieg schnitt diese Geschichte mitten durch. Masuren kam zu Polen, die Städte erhielten neue (und oft sehr alte) Namen, und die Passagierflotte lag — buchstäblich — auf dem Grund. Die erste Nachkriegsflotte bestand aus gehobenen deutschen Schiffen. Das erste bereits in Polen gebaute Schiff, die „Mazury", lief 1956 vom Stapel. Heute befördert die weiße Flotte rund 100.000 Passagiere im Jahr, großenteils auf Routen, die die Dampfer schon hundert Jahre zuvor abgefahren waren. Wer vom Wasser aus noch tiefer ins 20. Jahrhundert eintauchen will, findet wenige Kilometer von den Seen ein düsteres Kapitel dieser Landschaft: die Wolfsschanze bei Gierłoż.
In der Volksrepublik hörte das Segeln auf, ein Vergnügen für Kurgäste zu sein, und wurde Massensport — ganze Generationen gingen durch Segellager und Klubs. Giżycko erwarb sich den Titel „Hauptstadt des polnischen Segelsports", und der Weg der Großen Seen von Węgorzewo nach Ruciane-Nida — über 100 Kilometer, mit allen Verzweigungen über 330 Kilometer Wasserwege — wurde zur beliebtesten Binnensegelroute Polens. Die ganze Masurische Seenplatte segelt heute auf einer Infrastruktur, deren Gerüst zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert entstand: Kanäle von 1765–1772, eine Schleuse von 1879, eine Brücke von etwa 1889. Kaum eine Urlaubsregion steht auf einem so alten, so soliden Fundament.
Damals und heute — vier Kleinigkeiten als Beweis
- Dampfer → weiße Flotte. Die Routen sind dieselben, nur der Schornsteinrauch ist Motoren gewichen — und seit 1854 sind über 170 Saisons vergangen.
- Geräucherte Maräne. Die Delikatesse aus dem Reiseführer von 1923 duftet in den Fischbratereien von Mikołajki noch immer nach Erlenholz.
- Die Drehbrücke. Im 19. Jahrhundert von Hand gedreht — und 2026 immer noch von Hand gedreht, genau wie damals, als sie die Dampfer durchließ.
- Regatten auf dem Niegocin. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde hier im Sommer auf dem Wasser und im Winter auf Eisseglern um die Wette gefahren; heute kreuzen Segler auf denselben Revieren — viele dieser Orte sieht man direkt vom Deck aus, gesammelt in unseren Top 10 der Attraktionen Masurens vom Boot aus.
Häufig gestellte Fragen
Wie hießen die masurischen Städte vor 1945? Mikołajki war Nikolaiken, Giżycko — Lötzen, Węgorzewo — Angerburg, Mrągowo — Sensburg, Ryn — Rhein, Pisz — Johannisburg (polnisch Jańsbork), Ełk — Lyck. Die polnischen Namen legte nach dem Krieg eine staatliche Ortsnamenkommission fest (1946–1951); Giżycko erinnert an den Pastor Gustaw Gizewiusz, Mrągowo an Krzysztof Celestyn Mrongowiusz.
Wann wurde Masuren zur Tourismus- und Segelregion? Den Umschwung brachte das 19. Jahrhundert: der Ausbau der Kanäle (1854–1857), der erste Dampfer „Masovia" (1854), die Bahnstrecke Lyck–Königsberg (1868) und die Schleuse Guzianka I (1879), die den Wasserweg Giżycko–Mikołajki–Pisz öffnete. Die Blüte fiel in die Zwischenkriegszeit — Lötzen war ein mondäner Kurort, und Ruciane zählte rund 12.000 Sommergäste im Jahr.
Woher hat Mikołajki den Beinamen „Venedig Masurens"? Von seiner Lage: Das Städtchen liegt zwischen den Seen Tałty und Mikołajskie, und sein Leben spielt sich seit jeher an den Kais und auf dem Wasser ab.
Wer ist der Stinthengst im Wappen von Mikołajki? Eine Sagengestalt: ein gekrönter Fisch, der den Fischern die Netze zerriss und, in einem eisernen Netz gefangen, mit menschlicher Stimme sprach und reiche Fänge im Tausch gegen sein Leben versprach. Die Fischer ketteten ihn an einen Brückenpfeiler, und sein Bild kam ins Stadtwappen.
Was unterscheidet den Łuczański-Kanal vom Masurischen Kanal? Der Łuczański-Kanal (Giżycko-Kanal) ist ein aktiver, 2130 Meter langer Kanal zwischen Niegocin und Kisajno, mit einer von Hand gedrehten Brücke von etwa 1889. Der Masurische Kanal ist eine unvollendete Wasserstraße, die die Seen mit der Ostsee verbinden sollte — er wurde nie fertiggestellt und nie für den regulären Verkehr geöffnet.
Das Beste an dieser Geschichte: Man muss sie nicht lesen — man kann sie absegeln. Derselbe Weg, den die „Masovia" nahm, dieselben im 18. Jahrhundert gegrabenen Kanäle, dieselbe Brücke, die einst die Dampfer durchließ. Eine Woche mit der Yacht von Giżycko nach Mikołajki und weiter auf den Śniardwy ist die angenehmste Geschichtsstunde, die wir kennen — mit geräucherter Maräne im Hafen statt Pausenklingel. Passende Boote für diesen Törn findest du beim Yachtcharter in Masuren.
Titelbild: Emil Bönke, Nikolaiken, ~1900 / Wikimedia Commons (gemeinfrei).



