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Der Masurische Kanal — die große, unvollendete Wasserstraße von Masuren zur Ostsee
Events & Attraktionen7 Min. Lesezeit

Der Masurische Kanal — die große, unvollendete Wasserstraße von Masuren zur Ostsee

Er sollte die Großen Masurischen Seen mit Königsberg und der Ostsee verbinden — doch zwei Weltkriege und eine Hyperinflation waren stärker als die Ingenieure. Die Geschichte des Masurischen Kanals, seiner Betonschleusen im Wald und der zähen U-Boot-Legende.

Das NaCzarter-Team

· Aktualisiert

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Im Wald bei Leśniewo, zwei Kilometer nördlich des Mauersees, steht ein Betonkoloss, hoch wie ein mehrstöckiges Mietshaus. Keine Wasserstraße führt zu ihm hin. Kein einziger Lastkahn hat ihn je durchfahren. Die Schleuse Leśniewo Górne — die größte der fünf, die auf polnischer Seite des Masurischen Kanals stehen geblieben sind — wartet seit über achtzig Jahren auf Wasser, das nie kommen wird. Ein eindrücklicheres Denkmal gescheiterter Ambitionen findet man in Masuren kaum: Die große Wasserstraße, die die Großen Masurischen Seen mit der Ostsee verbinden sollte, endete als moosbewachsene Ruine.

Getreide nach Königsberg, Kohle nach Masuren

Die Idee war einfach und verlockend. Die Großen Masurischen Seen lagen nur einen Katzensprung von den schiffbaren Flüssen Ostpreußens entfernt — man musste sich lediglich vom Mauersee zur Alle durchgraben, und weiter ging es über den Pregel geradewegs nach Königsberg, den größten Hafen der Region. Talwärts sollten Getreide, Holz, Kies und Baumaterial fahren, bergwärts Kohle. Man rechnete auch mit der Flößerei, und mit der Zeit kam die Überlegung hinzu, das Gefälle zur Stromerzeugung zu nutzen. Geplant wurde großzügig: für Lastkähne mit bis zu 250 Tonnen Tragfähigkeit.

Die ersten Entwürfe entstanden bereits 1849, weitere folgten in den 1890er Jahren. Interessanterweise sahen sie geneigte Ebenen vor — genau solche, wie sie bis heute am Oberländischen Kanal arbeiten, wo Schiffe „über die Wiese fahren". Am Ende setzten die Ingenieure jedoch auf klassische Schleusen — allerdings in einer Größenordnung, wie Masuren sie nie zuvor gesehen hatte.

Drei Anläufe, drei Katastrophen

Der Preußische Landtag bewilligte den Bau 1908. Im April 1911 begannen die Arbeiten — und standen schon drei Jahre später wieder still. Der Erste Weltkrieg brach aus, die Baustelle leerte sich; man hatte gerade erst mit zwei Schleusen angefangen. Die Front zog damals durch diese Gegend — wer heute die Festung Boyen in Giżycko besucht, bekommt eine Ahnung von jener Zeit.

Der zweite Anlauf kam um 1919. Die Weimarer Republik nahm den Bau als öffentliche Beschäftigungsmaßnahme wieder auf — der Kanal sollte Arbeit in die verarmte Nachkriegsregion bringen. Diesen Anlauf erstickte die Hyperinflation von 1922: Das Geld, mit dem die Arbeiter bezahlt wurden, verlor schneller an Wert, als die Dämme wuchsen.

Die dritte und größte Phase dauerte von 1934 bis 1942. Das Dritte Reich griff erneut zum Kanal als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit, und diesmal liefen die Arbeiten auf Hochtouren — die Fertigstellung war für Mai 1941 vorgesehen. Zum zweiten Mal erwies sich der Krieg als stärker als die Ingenieure. 1942 wurde der Bau endgültig aufgegeben, obwohl rund 90 Prozent der Erdarbeiten bereits geschafft waren: Das Kanalbett war auf ganzer Länge ausgehoben. Es fehlte das Schwierigste — die Vollendung der Schleusen.

Nach 1945 schrieb die Geschichte noch eine bittere Pointe dazu. Die in Potsdam festgelegte Grenze zerschnitt den Kanal ungefähr in der Mitte, zwischen Polen und dem Königsberger Gebiet. Die Wasserstraße, die verbinden sollte, wurde selbst zerteilt — einer der Hauptgründe, warum der Bau nie wieder aufgenommen wurde.

Längsprofil des Masurischen Kanals aus dem Jahr 1916
Längsprofil des Masurischen Kanals (1916) — die Trasse sollte rund 111 Meter Höhenunterschied überwinden. Gemeinfrei, Wikimedia Commons.

Fünfzig Kilometer, hundertelf Meter bergab

Geplant war der Kanal auf rund 50 Kilometer Länge, und das Wasser sollte unterwegs etwa 111 Meter Höhenunterschied überwinden — ungefähr so viel wie ein dreißigstöckiges Hochhaus. Für diese Aufgabe waren zehn Schleusen mit Kammern von 45 mal 7,5 Metern vorgesehen.

Auf polnischer Seite der Grenze blieben rund 20 Kilometer Kanal und fünf Schleusen:

  • Leśniewo Górne — rund 17 Meter Gefälle, die größte des gesamten Kanals und die bekannteste;
  • Leśniewo Dolne — etwa 16 Meter, heute stark zugewachsen;
  • Piaski (Guja) — etwa 11 Meter, die einzige vollständig fertiggestellte Schleuse auf polnischer Seite;
  • Bajory Małe — etwa 10,5 Meter, in der Gemeinde Srokowo;
  • Bajory Wielkie (Długopole) — etwa 6,5 Meter.

Die übrigen rund 30 Kilometer der Trasse und fünf weitere Schleusen liegen heute im Königsberger Gebiet, auf russischer Seite der Grenze. Mehr technische Einzelheiten liefert der Wikipedia-Artikel zum Masurischen Kanal.

U-Boote im masurischen Wald? Nur eine Legende

Um ein derart ungewöhnliches Bauwerk mussten sich Mythen ranken. Der zäheste behauptet, im Kanal habe sich ein geheimer Stützpunkt oder gar eine U-Boot-Fabrik verborgen. Sagen wir es deutlich: Das ist eine Legende, historisch ohne jede Grundlage. Der Kanal wurde nie auf ganzer Länge geflutet — kein U-Boot hätte also hinein- oder hinausfahren können. Die Geschichte ist farbig und wird gern am Lagerfeuer weitererzählt, hat mit den Fakten aber ungefähr so viel zu tun wie die masurischen Sagen von Wassergeistern. Die wahre Geschichte — drei Jahrzehnte Bauzeit, zerschlagen von zwei Weltkriegen und einer Hyperinflation — ist ohnehin spannender als die erfundene.

Der Kanal heute: ein Weg für Radfahrer, nicht für Steuerleute

Ein wichtiger Hinweis, bevor jemand einen Törn plant: Auf dem Masurischen Kanal kann man heute nicht fahren. Er ist nicht schiffbar und nicht für die Schifffahrt freigegeben — auf polnischer Seite verwaltet ihn die staatliche Wasserbehörde Wody Polskie (RZGW). Der Kanal ist eine Landattraktion, für Spaziergänger und Radfahrer. Und in dieser Rolle funktioniert er ausgezeichnet.

Am leichtesten zu erreichen ist Leśniewo Górne. Das Auto bleibt auf dem Parkplatz an der Nationalstraße DK650, von dort geht es rund 500 Meter zu Fuß durch den Wald. Der Eintritt ist frei. Aus der Nähe wirkt die Betonkammer gewaltig — rohe Wände, Tiefe, Stille und Bäume, die dort wachsen, wo Wasser fließen sollte. Zeitweise gibt es hier einen Kletterpark, dessen Zustand man aber besser vor Ort prüft. Leśniewo Dolne, ein paar Hundert Meter weiter die alte Trasse hinab, ist stark zugewachsen und wirkt dadurch noch „verlorener". Wer sehen will, wie der Kanal wirklich hätte aussehen sollen, fährt nach Piaski bei Guja — die dortige Schleuse wurde komplett fertiggestellt und ist die einzige vollständige auf polnischer Seite.

Radfahrer haben es am besten: In Kanalnähe verlaufen der Radweg Green Velo und die Masurische Radrunde (Mazurska Pętla Rowerowa); eine Beschreibung des Kanals und der umliegenden Radrouten findet ihr auf mazury.travel. Ein Tagesausflug von Leśniewo über Guja bis Bajory Małe gehört zu den lohnendsten historischen Runden im Norden Masurens.

So nah wie möglich heran — der Kanal vom Bootsdeck aus

Die Schleusen besichtigt man an Land, doch der Anfang des Kanals ist vom Wasser aus zu sehen. Die Trasse beginnt am Nordwestufer des Mauersees (Mamry), in der Gegend von Mamerki — demselben Ort, an dem im Krieg das Hauptquartier des OKH lag, die jüngere Schwester der Wolfsschanze in Gierłoż. Der Mauersee liegt auf dem Kurs der Großen Masurischen Seen, an der Kanaleinfahrt segelt man also buchstäblich vorbei. Bis zur Schleuse Leśniewo Górne sind es von dort etwa 2 Kilometer über Land — ein Spaziergang, keine Expedition.

Der natürliche Ausgangspunkt ist Węgorzewo, das frühere Angerburg — die nächstgelegene Stadt und zugleich das Nordende des schiffbaren Fahrwassers. Von hier ist es auch nicht weit nach Sztynort und zu den Seen Dargin und Dobskie — ein „Kanaltag" lässt sich also mühelos in einen längeren Törn durch Nordmasuren einbauen.

In alldem steckt eine Symmetrie, die man mit eigenen Augen gesehen haben sollte. In Giżycko arbeitet seit über einem Jahrhundert die Drehbrücke über den Lötzener Kanal — der Beweis, dass preußische Ingenieure Dinge bauen konnten, die bis heute ihren Dienst tun. Mit dem Masurischen Kanal ging das Schicksal härter um: Ein ebenso ehrgeiziges, ebenso solide durchgerechnetes Projekt traf die Geschichte dreimal hintereinander — mit einem Krieg, einer Inflation und wieder einem Krieg. Zusammen erzählen die arbeitende Brücke und die stummen Schleusen mehr über Masuren als manches Museum.

Häufig gestellte Fragen

Kann man den Masurischen Kanal heute mit der Yacht befahren? Nein. Der Kanal wurde nie fertiggestellt, ist nicht schiffbar und nicht für die Schifffahrt freigegeben. Schleusen und Kanalbett besichtigt man ausschließlich an Land — zu Fuß oder mit dem Rad.

Wo kann man die Schleusen des Masurischen Kanals sehen? Am einfachsten in Leśniewo Górne (Parkplatz an der DK650, dann rund 500 m zu Fuß, Eintritt frei). Lohnend sind auch Piaski bei Guja — die einzige vollständig fertiggestellte Schleuse auf polnischer Seite — sowie Bajory Małe in der Gemeinde Srokowo. Leśniewo Dolne ist stark zugewachsen.

Warum wurde der Masurische Kanal nie fertiggestellt? Den 1911 begonnenen Bau unterbrachen nacheinander der Erste Weltkrieg, die Hyperinflation von 1922 und schließlich der Zweite Weltkrieg — 1942 wurden die Arbeiten endgültig eingestellt. Nach 1945 zerschnitt die Potsdamer Grenze den Kanal in zwei Hälften und begrub damit jede Rückkehr zum Bau.

Wie weit sind die Schleusen vom Mauersee und vom Fahrwasser entfernt? Der Kanal beginnt am Nordwestufer des Mauersees (Mamry) bei Mamerki — die Einfahrt sieht man vom Deck aus. Bis zur Schleuse Leśniewo Górne sind es von dort rund 2 km über Land. Die nächste Stadt mit Hafen ist Węgorzewo.

Gab es im Masurischen Kanal einen U-Boot-Stützpunkt? Nein. Das ist eine verbreitete Legende ohne historische Grundlage — der Kanal wurde nie auf ganzer Länge geflutet, kein Schiff konnte je in ihn hineinfahren.

Am besten schmeckt der Masurische Kanal als Zwischenstopp auf einem Törn: morgens Segel setzen auf dem Mauersee, nachmittags ein Spaziergang zwischen den Betonkolossen, abends festmachen in Węgorzewo. Wer die Route, auf der einst Lastkähne Getreide nach Königsberg bringen sollten, wenigstens auf ihrem schiffbaren Teil selbst abfahren will, chartert am besten gleich in Węgorzewo — von der Pier bis zur Kanaleinfahrt bei Mamerki sind es kaum ein paar Schläge.

Titelbild: Janericloebe / Wikimedia Commons (gemeinfrei).

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